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Impfen Leitartikel

01.04.2006

Polioeradikation

Rückschläge bei der Polioeradikation

Die seit 1988 laufende Initiative der WHO zur Ausrottung der Poliomyelitis hat bis 2001, in dem Jahr wurden weniger als 500 Fälle weltweit registriert, gute Erfolge gezeigt. Es kam bis heute jedoch zu einigen Rückschlägen aufgrund mangelhafter Durchimpfungsraten.

Zwischen 2002 und 2005 wurden in bis dahin 21 poliofreien Ländern Infektionen nachgewiesen, wobei es sich hauptsächlich um importierte Fälle handelte. In den 6 Ländern Afghanistan, Ägypten, Indien, Niger, Nigeria und Pakistan konnte allerdings das Polio-Wildvirus  (WPV) nachgewiesen werden. Nigeria war am stärksten betroffen. Dort hatten religiöse Gründe zur Ablehnung von Impfmaßnahmen geführt.

2005 wurden insgesamt 1983 Fälle der Poliomyelitis gemeldet, 50 davon impfstoffassoziiert.

Von den im Jahre 2005 weiter ansteigenden Polioinfektionen waren Jemen, Indonesien und Somalia, mit je über 100 Polio-Wildvirus-Fällen (WPV) am Meisten betroffen. Vielerorts wurden groß angelegte Immunisierungs-Aktionen durchgeführt um die Verbreitung einzudämmen.

Jemen:
Hier trat die erste WPV-Infektion im Februar 2005 auf und wurde im April bestätigt.  Bis zum Jahresende waren 478 Poliofälle im ganzen Land registriert worden. Mitte April 2005, noch vor der Bestätigung des ersten WPV-Falles,  wurde ein nationaler impftag (NID) durchgeführt, um den Import von Polioviren aus dem Sudan zu unterbinden. Sechs weitere NID folgten zwischen Mai und Dezember.

Indonesien:
Es wurden insgesamt 303 Fälle von WPV in 10 Provinzen von Java und Sumatra verzeichnet. Der erste Fall war im März 2005 ausgebrochen. Auch hier wurde eine Massenimmunisierungskampagne durchgeführt noch ehe das Polio-Wildvirus durch Laboruntersuchungen bestätigt werden konnte. In der Zwischenzeit sind weitere 99 Fälle registriert worden. Allein im August 2005 wurden drei weitere Impfkampagnen durchgeführt. Der letzte gemeldete Poliofall in Indonesien datiert vom Dezember 2005.

Somalia:
Bislang wurden 185 Poliofälle bestätigt. Die höchste Anzahl an Infektionen wurde im November 2005 registriert. Im Juli 2005 trat der erste Poliofall, nach einer Einfuhr aus dem Jemen auf. Drei nationale Impftage (NID) wurden durchgeführt.

Poliomyelitis in anderen afrikanischen und asiatischen Ländern:

Indien:

Ein Großausbruch im Jahre 2002 konnte erfolgreich eingedämmt werden. Die Fälle 2003 resultierten aus einem einzelnen importierten WPV-Fall aus dem Libanon, einigen Fällen aus Nepal und der wieder aufgetretenen Epidemie in Angola. 2005 gab es insgesamt 66 neue Fälle.

Nigeria:

2002 nahmen die Fälle an Polio zu, da die Impfungen mit OPV aus religiösen Gründen von der Bevölkerung, besonders im Norden des Landes, verweigert wurden. Das Wildvirus breitete sich anschließen in 18 weiteren Nachbarländern aus, die zuvor mehrere Jahre poliofrei gewesen sind.

Weitere Länder:

Es konnte nachgewiesen werden, dass das Virus von Nigeria aus in den Chad, weiter über den Sudan nach Saudi-Arabien und Jemen importiert wurde. Obwohl in Saudi-Arabien nur zwei Fälle bekannt wurden, gelangte das Virus von dort aus nach Indonesien. Kinder unter 15 Jahren müssen seither eine Polioimpfung nachweisen um nach Saudi-Arabien einreisen zu dürfen. Auch für die Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, gibt es keine Ausnahme.

Die geografische Verbreitung eines speziellen Wildvirus kann durch Untersuchung des Genoms genau nachgewiesen werden.

 

Niedrige Immunisierungsraten ermöglichen den Ausbruch importierter Infektionskrankheiten
Es hat sich gezeigt, dass zusätzliche Impfkampagnen mit OPV sehr effektiv zur Beseitigung zirkulierender WPV beitragen. Das trifft besonders für Entwicklungsländer mit hoher Bevölkerungsdichte und niedrigem Hygienestandard zu.

Ebenso sollten die großen Polio-Ausbrüche in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern daran erinnern, dass das Nachlassen der Impfanstrengungen, insbesondere eine ausreichend hohe Durchimpfung von Neugeborenen, zu einem gefährlichen Anstieg der Übertragung von Poliomyelitis führt.

Eine niedrige Durchimpfungsrate kann auch in Europa, wie sich 1992 in den Niederlanden gezeigt hat, zu Polioausbrüchen führen. Dort war es durch eine ungeimpfte Minderheit zu einem größeren Ausbruch zirkulierender WPV gekommen. Der internationale Reiseverkehr begünstigt im übrigen die weltweite Virusverbreitung des WPV.

Derzeitige Situation und Zukunftsperspektive
Durch intensive zusätzliche Impfkampagnen Anfang 2006 konnte die weltweite Verbreitung, mit Ausnahme des Ausbruchs in Somalia, unter Kontrolle gebracht werden. Dennoch wurde das weltweite WPV-Eradikationsprogramm der WHO um mehrere Jahre zurückgeworfen. Von einer weltweiten Polio-Freiheit kann erst dann ausgegangen werden, wenn drei Jahre lang kein WPV nachgewiesen wird. Die WHO geht zur Zeit davon aus, dass Ägypten und Niger poliofrei sind und lediglich Afghanistan, Indien, Nigeria und Pakistan Polio-Endemiegebiete sind.

Zusammenfassung

Durch beeindruckende internationale Zusammenarbeit konnte erreicht werden, dass Poliomyelitis weltweit eine seltene Krankheit geworden ist. Trotzdem wurde das genannte Ziel, Poliomyelitis auszurotten, bislang nicht erreicht.

Tritt die Krankheit in einem Land über einen gewissen Zeitraum nicht auf, entsteht zuweilen der falsche Eindruck, Polio sei ausgerottet. Die letzten Ausbrüche in Afrika und Asien erinnern uns deshalb daran, dass der Immunschutz in einigen Ländern und Bevölkerungsgruppen durchlässig ist. Auch in Europa sollten Erhebungen über den Immunschutz der Bevölkerung ausgewertet werden.

Nur wenn international ausreichende Mittel für Impfkampagnen zur Verfügung gestellt werden, kann eine weltweite, erfolgreiche Prophylaxe durchgeführt werden. Die Hauptunterstützer des globalen Programms, WHO, UNICEF, Rotary International und das UNITED STATES CENTER FOR DESEASE CONTROL AND PREVENTION, würden Beitragserhöhungen der Europäischen Länder sehr begrüßen.

 

Quelle: Eurosurveillance weekly release: Thursday 9 March 2006

 

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