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Impfen Leitartikel

17.04.2009

Impfen im Internet

Einfluss impfkritischer Internetseiten auf die Wahrnehmung von Risiken des Impfens

Die WHO kritisiert an Deutschland allgemeine Impfmüdigkeit. Beispielsweise das Ziel, die Masern bis 2010 in Europa zu eliminieren, ist nicht unwesentlich durch deutsche Impfgegner bedroht (Muscat et al. 2009). Verschiedene Publikationen machen u.a. das Internet für einen Rückgang von Impfquoten verantwortlich (Meyer&Reiter 2004). Es bietet Impfgegnern eine Plattform, einfach und effizient impfkritische Informationen zu verbreiten. Gesundheitspsychologische Theorien verweisen darauf, dass präventive Gesundheitsentscheidungenv.a. durch Risikowahrnehmung determiniert sind (Brewer et al. 2007; Weinstein 2003). Daher untersuchte die Studie von Betsch et al., inwiefern der Besuch impfkritischer Internetseiten die Wahrnehmung von Risiken des Impfens und des Nicht-Impfens beeinflusst.

Die Studie prüfte verschiedene Hypothesen:

  1. Zunächst wurde angenommen, dass der Besuch impfkritischer Seiten die Risikowahrnehmung und Impfintentionen verändert.
  2. Aktuelle psychologische Theorien sehen spontane Gefühle als wesentliche Determinanten von Risikourteilen an. Ein typisches Merkmal impfkritischer Seiten sind emotionale Appelle und affektgeladene Elternberichte von angeblichen Impffolgen und Impfschädigungen (Zimmermann et al. 2005). Es ist daher davon auszugehen, dass besonders auf impfkritischen Seiten negative Affekte ausgelöst werden, die das Risikourteil beeinflussen.
  3. Theorien der Informationssuche sagen vorher, dass besonders solche Informationen aufgesucht werden, die gut zu einer internen Repräsentation eines Gegenstandsbereichs passen (Pirolli 2007). Fokussiert nun ein Informationssuchender beispielsweise darauf, dass Impfen sehr risikoreich ist, sollte er auch vermehrt passende Information auswählen, was wiederum sein Risikourteil beeinflussen sollte. Ein Suchfokus auf die Risiken des Impfens sollte v.a. die Risikowahrnehmung des Impfens erhöhen; ein Fokus auf die Risiken des Nicht-Impfens sollte entsprechend die Wahrnehmung dieses Risikos erhöhen.
  4. Die Intentionen, das eigene Kind zu impfen, sollten den Risikoeinschätzungen folgen und daher nach der Suche auf einer impfkritischen Seite sinken und nach dem Besuch einer Kontrollseite bzw. beiden steigen oder unverändert bleiben.

Ergebnisse

Einfluss auf die Risikoeinschätzung
5-10 Minuten Informationssuche auf der impfkritischen Seite führen dazu, dass Impfen als risikoreicher eingeschätzt wird. Gleichermaßen wird das Unterlassen von Impfungen als weniger risikoreich betrachtet. Der Suchfokus hatte keinen Einfluss auf die Risikowahrnehmung, d.h. die Informationen auf den impfkritischen Seiten hatten einen generellen Effekt, unabhängig davon, ob nach Risiken des Impfens oder des Nicht-Impfens gesucht wurde. Eine Informationssuche auf den Seiten der BZgA verminderte signifikant die Wahrnehmung von Risiken des Impfens; das Risiko des Nicht-Impfens veränderte sich nicht. Ein Besuch beider Seiten veränderte die Risikowahrnehmung nicht signifikant.

Einfluss auf die Impfbereitschaft
Die Intentionen, dem eigenen Kind vier von der STIKO empfohlene Impfungen zukommen zu lassen (6-fach, MMR, Windpocken, Meningokokken), sanken nach der Suche auf der impfkritischen Seite signifikant ab. Ein Suchfokus auf Impfrisiken bei der Suche verringerte ebenfalls signifikant die Impfintentionen.

Eine Analyse der Internetseiten ergab, dass die wahrgenommene Bedrohlichkeit der Seite die Risikoeinschätzung beeinflusst. Die Bedrohlichkeit wurde insbesondere auf der impfkritischen Seite als hoch eingeschätzt, die in dieser Studie v.a. durch die Präsenz individueller Einzelfallberichte beeinflusst war (z.B. persönliche Schilderungen von erlebten, angeblichen Impfschäden). Personen, die bevorzugt gefühlsmäßig entscheiden, wurden in verstärktem Maß von der Bedrohlichkeit der Seiten beeinflusst.

Fazit

Insgesamt zeigt diese Studie, dass bereits eine kurze Suche auf impfkritischen Seiten im Internet zu einer erheblichen Veränderung in der Risikowahrnehmung führen kann mit der Folge, dass die Intention, Säuglinge und Kleinkinder zu impfen, sinkt. Besonders die Emotionen und Affekte, die auf den impfkritischen Seiten ausgelöst werden, beeinflussen die Risikowahrnehmung. Nach einem Besuch der Seiten der BZgA sinkt das wahrgenommene Risiko für Impfungen. Durch die dargebotene Information wird offensichtlich ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Dennoch werden die Risiken des Nicht-Impfens nicht stärker wahrgenommen als vor der Suche.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine Sensibilisierung der Bevölkerung für die Risiken des Nicht-Impfens dazu beitragen könnte, die Impfquoten zu erhöhen. Beispielhaft führen sie die Kampagne "Schutz Impfung Nordrhein-Westfalen" an, die versucht, die Risiken des Nicht-Impfens zu verdeutlichen. Außerdem regen sie an, dass v.a. neutrale Seiten und Seiten, die das Ziel haben, die Impfquote zu erhöhen, so angeboten werden sollten, dass sie bei einer Suche mit beliebten Suchmaschinen in der Trefferliste obere Plätze erreichen.


Quelle: http://www.impfbrief.de
Cornelia Betsch, Frank Renkewitz, Tilmann Betsch, Corina Ulshöfer. "Der Einfluss impfkritischer Internetseiten auf die Wahrnehmung von Risiken des Impfens". Poster präsentiert auf der 1. Nationalen Impfkonferenz, März 2009, Mainz.

 

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