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Impfen Leitartikel

19.05.2010

Internet

Impfkritische Internetportale

Eltern, die im Internet nach Informationen über Impfungen suchen, stoßen sehr schnell auf impfkritische Seiten, denn diese stehen bei Google üblicherweise oben. So genannte impfkritische Seiten enthalten laut Fachliteratur zu

  • 91% Aussagen zu einer Verbindung zwischen verschiedenen Krankheiten und Impfen (z.B. Multiple Sklerose, Autismus, Asthma, plötzlicher Kindstod)
  • 80% Links zu anderen impfkritischen Webseiten
  • 55% Bilder und/oder Geschichten (Einzelfallberichte) von Kindern, die angeblich durch Impfungen zu Schaden kamen

Die Erfurter Forscher haben bereits in vorhergehenden Untersuchungen gezeigt, dass das Surfen auf impfkritischen Internetseiten nicht ohne Folgen bleibt: Impfrisiken werden von den Eltern verstärkt wahrgenommen und ihre Impfintention sinkt dadurch nachweislich. Bereits nach 5-10 Minuten Informationssuche auf einer typischen impfkritischen Seite sanken die Impfintentionen der TeilnehmerInnen einer Onlinestudie ab. Zudem wurden Risiken des Impfens signifikant stärker wahrgenommen.

Aber auch das Surfen auf eher impffreundlichen Seiten beeinflusst Eltern. Es zeigte sich, dass die Internetseite der BzgA zum Thema Impfen es schafft, ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, die Risiken des Impfens werden nach dem Besuch der Seite als geringer eingeschätzt (www.kindergesundheit-info.de). Allerdings bleibt die Einschätzung der Risiken des Nicht-Impfens relativ gleich. Eventuell sollte auch eine neutrale Seite auf die Risiken der Erkrankungen, die durch Impfungen verhütet werden, etwas stärker eingehen, so Betsch.

Langfristige Folgen

Diese Effekte sind langfristig. Auch 5 Monate nach der ersten Untersuchung schätzten Personen, für die Impfrisiken am Ende der Onlinestudie eine große Bedeutung hatten, subjektiv Impfschäden höher und schwerwiegender ein als Personen, die Impfrisiken damals als weniger bedrohlich wahrgenommen hatten. Die Folge sind fehlende oder zumindest verzögerte Impfungen. Wenn das Impfrisiko von Eltern als höher wahrgenommen wird, werden Impfungen, die in diesen 5 Monaten fällig gewesen wären, eher nicht (bzw. verzögert) gegeben. Über die Zeit nach Ende der Studie kann natürlich keine Aussage getroffen werden.

Rolle von Internetforen

Verunsicherte Eltern diskutieren ihre Fragen in der Regel kritisch mit ihrem Kinderarzt / ihrer Kinderärztin. Zudem suchen sie weiterhin Informationen über die Sicherheit von Impfungen - häufig suchen sie dafür Internetforen auf, in denen sie Elternberichte suchen, die darüber informieren, was nach Impfungen passierte.

Laut Zilien at al. 2008 suchen schon werdende Eltern Informationen zur Kindergesundheit zu 73% in Internetforen. Viel seltener werden Ärzte (an zweiter Stelle mit 45%) und andere (werdende) Eltern (44%) sowie Bücher (42%) zur Informationsbeschaffung angesprochen bzw. genutzt. Dabei enthalten gerade diese Quellen nicht nur Sachinformationen: Internetforen bestehen laut Zilien et al. zu rund einem Drittel aus emotionalen Äußerungen und zu gut einem weiteren Drittel aus subjektiven Äußerungen. Sachbeiträge sind dort nur zu rund einem Fünftel vertreten.

Einzelfallbeschreibungen in Foren

Um den Einfluss von Einzelfallberichten zu untersuchen, haben die Erfurter Forscher ein fiktives Internetforum zu einer fiktiven Impfung kreiert und variiert, was darin zu finden ist. Authentische Einzelfallberichte aus echten Foren wurden als Vorbild genommen. Es stellte sich heraus, dass die Impfintention deutlich mit der Anzahl der negativen Einzelfallberichte zu Impffolgen sank (Abb. 2). Einzelfälle lösen ein unspezifisches Gefühl der Bedrohlichkeit aus. Bedrohlichkeit erhöht wiederum die Risikowahrnehmung. Wie bereits erläutert, sind im Internet viel mehr Einzelfallberichte über Impfschäden zu finden als Einzelfallberichte über schwerwiegende Krankheitsfolgen. Betsch resümierte, dass dies wahrscheinlich den stärkeren Einfluss von Impfrisiken auf die Impfintention von Eltern erklärt, die im Internet nach Informationen zu Impfungen suchen.

Furcht mit Furcht bekämpfen?

Betsch stellte in Mainz die Frage, ob man der Furcht mit Furcht begegnen könne oder sogar müsse. Als ein Beispiel für diesen Ansatz kann die Plakatkampagne angesehen werden, die jüngst in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. "Lisa (9) blind durch Röteln" verdeutlichte beispielsweise die "Kosten" des Nicht-Impfens. In der Fachliteratur ist gut belegt, dass durch diese Art von Furchtappell Verhaltensänderungen bewirkt werden. Nach Angaben der Organisatoren war die Plakataktion sehr erfolgreich. Ebenso kann aber auch per Präventionsappell (z.B. "Kommen Sie den Masern zuvor") für Impfungen geworben werden. Es wird der Nutzen von Impfungen ohne Furchtappell verdeutlicht.

Wie Betsch et al. herausfanden, führt jedoch im Umfeld des Internet mit vielen impfkritischen Seiten, die mit Furchappell arbeiten, eine Impfkampagne, die ebenfalls mit Furchtappell arbeitet, zu sinkender Impfintention (Abb. 3). Man sollte im Internet also eine Präventionsbotschaft nutzen, die eher aufklärt als erschreckt, resümierte Betsch. Risiken von Impfungen sollten dabei nicht völlig dementiert werden, sondern in der Relation dargestellt werden, z.B.: "Bestimmte Impfstoffe können tatsächlich krankheitsähnliche Symptome hervorrufen - eine voll ausgeprägte Erkrankung entwickelt sich aber nur extrem selten."
Die Impfintention ist höher, wenn das sehr geringe aber dennoch vorhandene Risiko durch Impfungen schweren Schaden zu erleiden, nicht dementiert, sondern offen angesprochen wird.

Tipps für (Kinder-)Ärzte

Mediziner treffen immer öfter auf "internetinformierte" Eltern. Betsch formulierte einige Ratschläge für die tägliche Praxis:

  • Surfen Sie! Robert Koch-Institut und Paul-Ehrlich-Institut haben die 20 häufigsten Einwände von Impfgegnern exemplarisch beantwortet (www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Bedeutung/Schutzimpfungen__20__Einwaende.html)
  • Machen Sie sich selbst und Ihren Patienten die Wirkung von Einzelfällen bewusst. Eine Statistik, auch wenn Tausende von Fällen darin eingegangen sind, ist emotional weit weniger wirksam aber sehr viel aussagekräftiger!
  • Empfehlen Sie Eltern neutrale Seiten (z.B. der BzgA, www.kindergesundheit-info.de/impfungen.0.html oder www.kinderaerzte-im-netz.de)
  • Stellen Sie in der Praxis auch Informationen aus unabhängigen, glaubwürdigen Quellen zur Verfügung (z.B. BZgA), nicht nur Pharmabroschüren.
  • Befriedigen Sie das Elternbedürfnis nach sicherheitsrelevanten Informationen.
  • Verschweigen oder verleugnen Sie Risiken nicht, sondern relativieren Sie sie.
  • Verwenden Sie keine Furchtappelle, aber klären Sie über die Erkrankungsrisiken und deren Folgen auf.

Zusammenfassung eines Vortrags von Cornelia Betsch, Universität Erfurt, im Rahmen des 1. Präventionstages Pädiatrie (27.2.2010, Mainz) - Quelle: http://www.impfbrief.de

 

 

 

 

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