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Impfen Leitartikel

23.08.2005

Poliomyelitis

Poliomyelitis

Albert Sabin (1906-1993, Foto links, Quelle: WHO) hat 1957 die Polioschluckimpfung entwickelt, die ab 1960 mit großem Erfolg eingesetzt wurde.

....Wenn von Eradikation die Rede ist, handelt es sich selten um erfreuliche Themen. Aber es gibt auch Kampagnen, bei denen unter langfristiger Planung, enormen finanziellen Aufwendungen und globalen Anstrengungen die Auslöschung eines Krankheitserregers gezielt betrieben wird. Der Erfolg der Pockeneradikation hat gezeigt, daß die Welt von einigen Krankheiten befreit werden kann. Erfolgversprechend sind Eradikationsmaßnahmen zum Beispiel auch bei Masern. Der Wirt der Masernviren ist der Mensch, eine effektive Impfung steht zur Verfügung. Die USA konnten zeigen, daß mit einer konsequenten Impfpolitik (no vaccination - no school) alle gefährdeten Personen erreicht werden können. Der Lohn der Mühe: In den USA gibt es nur noch importierte Masernfälle, das Land ist erregerfrei. Nun, da die Pocken besiegt sind, konzentrieren sich die Anstrengungen auf die Poliomyelitis, eine Erkrankung, die nur den Menschen betrifft, und gegen die wirksame Impfstoffe vorhanden sind.

Poliomyelitis oder Kinderlähmung ist eine Viruserkrankung, die Menschen jeden Alters befallen kann. Die Ansteckung erfolgt fäkal-oral, d.h. über Schmierinfektion, verunreinigte Nahrungsmittel und Wasser. Die Erreger vermehren sich im Verdauungstrakt des Wirtes, schon zwei bis drei Tage nach der Infektion werden Erreger im Stuhl ausgeschieden.

Die Ausscheidung kann über Monate erfolgen, in vielen Fällen weiß der Betroffene nicht einmal, daß er infiziert ist, denn über 90% aller Infektionen verlaufen inapparent, d.h. es treten keine Symptome auf und weder Arzt noch Gesundheitsbehörden erfahren je von der Erkrankung. Bei ca. 5% aller Erkrankten kommt es zu einer abortiven Poliomyelitis mit Fieber, Kopf- und Halsschmerzen und weiteren Allgemeinsymptomen. Ein solcher Verlauf wird nicht selten als ?Grippe" diagnostiziert. Bei 0,1% bis 1% der Erkrankten treten die gefürchteten Lähmungserscheinungen auf, zumeist eine spinale Paralyse mit schlaffen Lähmungen, vor allem der Extremitäten. Werden Interkostalmuskulatur und Zwerchfell in Mitleidenschaft gezogen, ist eine künstliche Beatmung notwendig (für solche Patienten wurde in der Vergangenheit die sogenannte ?Eiserne Lunge" entwickelt). Nach Entfieberung können sich die Lähmungen ganz oder teilweise zurückbilden, Krankengymnastik kann langfristig zu Verbesserungen führen. In weniger entwickelten Ländern stehen viele Hilfsmittel nicht zur Verfügung, die Anzahl der Todesfälle ist deutlich höher als in Industrieländern.

Eine durchgemachte Infektion mit einem der drei bekannten Serotypen hinterläßt eine wahrscheinlich lebenslange Immunitität, eine Immunität gegenüber den anderen Serotypen bildet sich jedoch nicht aus.

Polio ist - richtige Interpretation antiker Darstellungen vorausgesetzt - seit dem Altertum bekannt. Zu großen Epidemien kam es allerdings erst in der Neuzeit. Vor allem im letzten Jahrhundert kam es zu schweren Ausbrüchen in den Industrienationen (z.B. 1916 in New York mit 7.000 Toten). Die gestiegene Hygiene hatte dazu geführt, daß Kinder erst mit dem hochansteckenden Virus in Kontakt kamen, als sie nicht mehr durch Antikörper der Mutter geschützt waren. Statt einer Immunität entwickelte sich nun eine Infektion.

Die schwerste Epidemie in Deutschland trat 1952/53 auf, 15.000 Lähmungsfälle wurden gemeldet, noch 1960/61 gab es in Westdeutschland 9.000 Fälle mit mehreren hundert Toten. In der DDR gab es im gleichen Zeitraum nur 130 Fälle, da dort bereits vorher nach sowjetischem Vorbild die Schluckimpfung eingeführt worden war. Der amerikanische Impfstoffentwickler Sabin (siehe Foto) hatte abgeschwächte Virenstämme nach Moskau verschenkt, da sein Konkurrent Salk die Einführung der Sabinschen Schluckimpfung auf den amerikanischen Markt zugunsten seiner Eigenentwicklung verhindern wollte, obwohl es bei dieser durch Produktionsfehler zu Todesfällen gekommen war; viele Geimpfte waren daraufhin erkrankt.

Die Sabinsche Schluckimpfung wurde in Westdeutschland 1962 eingeführt. Viele erinnern sich heute noch an den Werbeslogan von der grausamen Kinderlähmung und an den Zuckerwürfel mit dem Impfstoff. Durch die orale Gabe gelangten die abgeschwächten Erregerstämme in den Darm, also den Ort der Virenvermehrung im Infektionsfall. Unschätzbarer Vorteil in Zeiten geringerer Durchimpfungsrate war auch die Ausscheidung der abgeschwächten Viren, auf diese Weise ergab sich auf der üblichen Infektionsroute fäkal-oral eine Umgebungsimpfung der Kontaktpersonen des Impflings. Nachteil war nur die Fähigkeit der Impfviren zur Mutation. Jährlich gab es zwei bis drei Fälle der sogenannten Impfpolio. Da es weniger einheimische Polioinfektionen als Impfpoliofälle in Deutschland gibt, hat die STIKO, Ständige Impfkommission der BRD, ihre Empfehlungen geändert: statt der OPV (orale Poliovakzine) wird nun die IPV (Inaktivierte Poliovakzine, Injektion) zur Aufrechterhaltung des Impfschutzes in der Bevölkerung empfohlen.

Deutschland, ja ganz Europa, ist seit Jahren poliofrei, aber damit ist auch bei uns das Kapitel Kinderlähmung noch nicht abgeschlossen. Hierzulande leben schätzungsweise 40.000 bis 110.000 Menschen, die eine schwere Poliomyelitiserkrankung durchgemacht haben. Bei ca. 10.000 bis 50.000 von ihnen tritt das Post-Polio-Syndrom auf, eine Spätfolge, die mit Müdigkeit, Atem- und Muskelschwäche sowie neurologischen Störungen einhergeht.

Auch in vielen anderen Teilen der Welt gibt es keine Wildviren mehr, d.h. die Erreger zirkulieren nicht mehr in der Bevölkerung, sondern werden allenfalls importiert. Anfang 2004 waren es nur noch sieben Länder, in denen akute Poliomyelitiserkrankungen auftraten. Die WHO änderte zu diesem Zeitpunkt ihre Strategie und ging aus Kostengründen dazu über, nur noch in den betroffenen Ländern und deren Nachbarstaaten zu impfen (Firewall-Impfungen), Impfprogramme in poliofreien Gebieten allerdings zurückzuschrauben. Innerhalb kürzester Zeit wollte man die letzten Infektionsherde in Indien, Pakistan, Ägypten, Nigeria usw. erreichen. Zu hoch gepokert, urteilt mancher Beobachter aus heutiger Sicht. Im Norden Nigerias kam es zu einem massiven Impfboykott, nachdem örtliche muslimische Geistliche dem Westen vorwarfen, mittels Zusätzen zum Impfstoff AIDS zu verbreiten und die Fruchtbarkeit der muslimischen Bevölkerung herabsetzen zu wollen. Der lange Schatten von Nine-Eleven führte zu einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen in Nordnigeria mit nachfolgendem Re-Import in mehr als ein Dutzend anderer Länder, von Westafrika (Mali, Guinea u.a.) bis Botswana. Besonders schwere Folgen hatte der Export der Viren in den Sudan. Infolge der Kriegswirren in Dafur und anderen Gebieten sind Massenimpfaktionen erschwert. Genanalysen konnten zeigen, daß Viren aus Nordnigeria via Sudan in den benachbarten Jemen und nach Saudi-Arabien gekommen sind. Zum Zeitpunkt der letzten Haddsch (jährliche Massenpilgerfahrt nach Mekka) gab es in Saudi-Arabien akute Polioerkrankungen. Pilger oder Arbeitsemigranten aus dem ganzen afrikanischen und südasiatischen Raum konnten das Virus nun als Multiplikatoren in ihre jeweiligen Heimatländer schleppen.

Mit Indonesien ist nun eines der bevölkerungsreichsten und am dichtesten besiedelten Länder der Welt betroffen. Seit dem Frühjahr 2005 werden wieder Kinder mit Lähmungserscheinungen angetroffen, zuvor war Indonesien zehn Jahre poliofrei. Da für jeden Lähmungsfall etwa zweihundert inapparente Infektionen anzunehmen sind, ist die Gefährlichkeit der Lage und das Risiko der Weiterverbreitung in Gebiete, in denen in den letzten Jahren die Polioimpfung vernachlässigt wurde, nicht hoch genug einzuschätzen. Die indonesische Regierung hat großangelegte Impfkampagnen gestartet, in denen mehrere Millionen Kinder innerhalb weniger Tage geimpft wurden.

Die WHO mußte nun den erwarteten Zeitpunkt der Polioeradikation schon mehrere Male verschieben. Bis Ende 2005, wie einst prophezeit, wird die Poliomyelitis jedenfalls nicht besiegt sein, trotz der Wiederaufnahme der Impfaktionen in Nigeria. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob auch die letzten Winkel der Erde von dieser Geißel befreit werden können. Dann erst könnte eine Impfung aus dem Impfkalender der Welt gestrichen werden. Ausgehend von den bekannten Polioherden ist eine Einschleppung auch nach Deutschland jederzeit möglich, so daß nicht nur Reisende gegen Polio geimpft sein sollten, auch in der Gesamtbevölkerung sollte weiterhin eine hohe Durchimpfungsrate aufrecht erhalten werde.

 

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